Predigt Gedanken


 

24. Sonntag im Jahreskreis A

Sonntag 13. September 2020

Einführung in die Lesung

 

      Die heutige kurze Lesung aus dem Römerbrief ist ein Bekenntnis des Apostel Paulus über seine innige Verbundenheit mit JESUS CHRISTUS, sowohl in seinem Leben wie auch in seinem Tod.  

 

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom
(Römer 14,7-9)

 

      Schwestern und Brüder! Keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.
      Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende.

 

Lesung aus der Frohen Botschaft nach Matthäus
(Matthäus 18,21-35)

 

      In jener Zeit trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.
      Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Dienern Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besass, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.
      Da fiel der Diener vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. Der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, liess ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.
      Als nun der Diener hinausging, traf er einen anderen Diener seines Herrn, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und rief: Bezahl, was du mir schuldig bist!
      Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging weg und liess ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.
      Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.
      Da liess ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.
       Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt.

 

 Predigtwort
Verzeihen bringt Segen und Leben

 

      Paulus hat an seine Gemeinde in Rom geschrieben: „Keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber“. Dahinter steckt die Frage an mich: Wofür lebe ich? Genügt es mir, nur für mich zu leben, oder möchte ich, dass mein Dasein auch für meine Mitmenschen Hilfe ist und Sinn macht? Das ist eine existenzielle Frage an jeden Menschen.
      Die Frage, die Petrus seinem Meister und Rabbi JESUS im eben gehörten Evangeliumsabschnitt stellt, ist auch heute noch eine konkrete Frage  nach gutem, sinnvollem Zusammenleben: Wie oft muss ich meinem Mitmenschen verzeihen? Die Antwort JESU ist klar: siebzigmal siebenmal! Das bedeutet: immer und immer wieder.
      Und das nachfolgende Gleichnis vom unbarmherzigen Diener bekräftigt eindrücklich die Weisung, dass wir unseren Mitmenschen immer wieder verzeihen sollen. Das Vergeben von Schuld ist so wichtig, dass unser christliches Hauptgebet, das Vater unser, uns täglich daran erinnert: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“
      Mit dem Gleichnis vom unbarmherzigen Diener zeigt JESUS einen Aspekt von unserem Menschsein, der mitten ins Herz trifft: Im Zusammenleben von uns Menschen gibt es Momente und Situationen, in denen wir verletzt werden. Oftmals durch Kleinigkeiten, hie und da auch durch schwerwiegende Taten oder Entscheidungen von Mitmenschen. Schon bei kleinen Kindern kann man Reaktionen auf seelischen Verletzungen beobachten.
      Auch wir Erwachsenen werden immer wieder, bis ins hohe Alter, von solchen Verletzungen bewegt. Was tun, wenn wir uns z.B. ungerecht behandelt fühlen und verletzt sind?
      Das erste ist wohl, die Verletzung bewusst machen und ins Gespräch bringen. Und das zweite ist durch Verzeihen die Beziehung mit dem Mitmenschen neu ermöglichen.
      Auch wenn wir diesem Rat JESU rasch zustimmen bedeutet das allerdings noch nicht, dass wir diese Weisung auch immer befolgen und in die Tat umsetzen. Verzeihen kann in gewissen Momenten sehr schwierig sein. Manchmal braucht es eine längere Zeit, bis man wirklich verzeihen kann.
      Verzeihen ist auch nicht einfach vergessen. Verzeihen ist eine menschliche Entscheidung: ich gebe dem, der an mir schuldig geworden ist, eine neue Chance und verzichte darauf, meinen Rachedurst zu befriedigen.
      Daran wird auch deutlich, dass Verzeihen grundlegend wichtig ist für unser menschliches Zusammenleben. Für die  Menschen, die in der Spur JESU wandeln wollen, ist Verzeihen eine wesentliche Lebenseinstellung.
      Durch das Gleichnis rückt uns JESUS ins Bewusstsein: Wenn ich erkannt habe, dass Gott zu mir barmherzig ist, dann muss auch ich barmherzig sein zu meinen Mitmenschen. Verzeihen verwirklicht so etwas Wesentliches von dem, was JESUS mit dem Reich Gottes verkündet und selbst gelebt hat. Wer wirklich verzeiht, lebt und wandelt in den Fussstapfen Jesu.

      Selbstverständlich geht es auch bei religiös motiviertem Verzeihen nicht darum, naiv oder weltfremd zu leben und sich ausnutzen zu lassen. Der Staat, z.B., muss auf das Einhalten der Gesetze dringen. Tatsache ist leider, dass in unserer realen Welt die Rechtsordnung und die Gerechtigkeit gar oft verletzt wird.
      Und dennoch stimmt auch die Erfahrung im Sinne JESU und im Sinne des Evangeliums: Wenn wir darauf trauen, dass im Hinblick auf die Gewalt und das Unrecht in dieser Welt nicht der Hass, sondern das Erbarmen und die Liebe das letzte Wort behalten und wenn wir in unserem eigenen Lebensbereich verzeihen und immer wieder verzeihen, werden wir erfahren, dass Verzeihen weiter führt als das Ausleben von Rache und strenger Gerechtigkeit. Verzeihen bringt Segen und Leben.
      Verzeihen hilft nicht nur unseren Mitmenschen, sondern ganz wesentlich auch uns selbst. Wer verzeihen kann, erlangt eine neue Freiheit.

 

Wenn wir immer wieder verzeihen geben wir
durch unser Leben Zeugnis vom gütigen Gott.
Und Gottes Barmherzigkeit und Liebe
berühren so unser eigenes Herz
und wir erfahren das als
ERLÖSUNG.

 

Hans Schwegler

 

 


Texte:
Lesung: Römer 11,33-36
Evangelium: Matthäus 16,13-20


Predigt am 21. Sonntag im Jahreskreis A (2020):
„Du bist der, auf den ich immer schon gewartet habe.“

„Oh Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“

Ein überwältigender Hymnus des Apostels Paulus, einem – wie wir wissen – eindrücklichen Kenner von Leid und Verfolgung, sowohl als aktiv Verfolgender, als auch als aktiv Verfolgter und Leidender.
Welche tiefe Erfahrung muss dahinter stecken. Paulus nimmt dabei Bezug zum Buch Hiob: „Wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“

Paulus lässt in dieser Stelle vieles offen. Er weiss offensichtlich, dass viele Worte in der Beschreibung Gottes je nach persönlicher Situation ZU viel sind für Menschen.
Ja – es klingt für mich neben der Erhabenheit auch eine gewisse Skepsis durch bei diesen Zeilen. Fast eine Warnung, Gott beschreiben zu wollen.
Damit treffen diese Zeilen einen modernen Nerv unserer Zeit:

Es wurde vielleicht zu viel über Gott geschrieben, zuviel über ihn gesprochen; Gott zerredet, zerschrieben, zerrieben zwischen Worten und menschlichen Gedanken. (Gott als Vorwand für Kriege, für gesellschaftliche Vorgaben, moralische Vorstellungen etc.)

Das mag dazu beigetragen haben, dass heute durchaus möglich und üblich ist, „Gott“ als nichtssagenden Floskel zu verwenden, etwa in dem Sinne: „Wir wissen nichts von Gott und können eigentlich auch gar nichts über ihn wissen, also beschäftigen wir uns nicht mit ihm“. (Moderner Deismus, aber auch moderne Vorsicht).

Die Zurückhaltung des Paulus, Gott zu beschreiben, entspringt einer anderen Erfahrung. Es geht ihm nicht darum, zu definieren, wer oder was Gott ist. Für ihn steht fest, dass Gott IST. Als Immanuel: Gott ist mit uns: Als nicht Verfügbarer, aber Naher; nicht als „Nutzbarer“, sondern als Segnender;

UND: „Gott ist der Andere“. Nicht einfach ein Fremder, sondern Jemand, der zum Suchen herausfordert.
Welche Auswirkungen hat ein solcher Glaube? Er will nicht „verzwecken“! – und das ist gut so.

EXKURS: Etwas anderes hat uns als Seelsorgeteam Kopfzerbrechen bereitet. Wir haben uns in unserer Retraite letzte Woche Gedanken zu den letzten 6 Monaten gemacht. Es sind durchzogene, widersprüchliche Gedanken:
Sehr lange durften wir nicht das Zentrum unseres Glaubens – die gemeinsame Eucharistiefeier – feiern.
Sehr lange sind uns nun aus Sicherheitsgründen Gemeinschaftsanlässe in grösserem Rahmen verwehrt, aus denen sich doch tiefe Gespräche, gegenseitiger Ratschlag, Seelsorge und Beziehung entwickelten.
Aber: wir dürfen auch dankbar sein für viele Rückmeldungen von Ihnen, die uns zeigten, dass wir in sozialer, emotionaler und familiärer Beratung nahe sein durften. Dass die pastoralen Stimmen in Form von Predigten gehört wurden und Freude bereiteten. Das freut uns, macht uns Hoffnung.
Nicht jede Zurückhaltung muss eine Kritik sein, das haben wir gemerkt. Auch über die Distanz und mit Schweigen waren wir miteinander verbunden.
Es bleibt aber das seltsame Gefühl des „Zerrissen-Seins“ hinsichtlich der jetzigen Krisenzeit, in der jedes Verhalten gegenüber dem Einzelnen und der Gesellschaft Fragen nach sich zieht, die man sich vorher nicht stellte.

Im zweiten Text aus dem Evangelium nach Matthäus geht es genau genommen ebenfalls um Widersprüchlichkeiten.
Jesus fragt seine Jünger, seine Freunde und Vertrauten: Für wen halten mich eigentlich die Leute?
Das ist auch heute eine ungemein beliebte Frage: Auf Facebook soll es viele Menschen geben, die sich mit der Frage beschäftigen, welchen Freundschaftsstatus man hat.

Jesus befragt das Facebook seiner Zeit: Männer und Frauen, die ihm durch die steten Kontakte mit Anderen sagen können, was die Leute von ihm halten: Sie vergleichen ihn mit Propheten: Johannes, Elija, Jeremia oder sonst einen der Propheten.

Damals wie heute denken wir Menschen in Formen und Bildern – und wir vergleichen gerne. Wir machen uns Bilder von anderen Menschen und das ist auf eine Art normal. Schwierig wird es, wenn von uns jemand verlangt, ehrlich Auskunft zu geben über das Gegenüber.

Die Frage von Jesus ist von daher eine Zumutung an das Gegenüber: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“

Petrus hatte es nicht einfach. Er hätte auch wie die anderen sagen können, dass Jesus ein wunderbarer Mensch ist; ein Prophet, der die richtigen Dinge sagte und lebte.
Er sagt in vier Worten etwas Einfaches und zugleich sehr Kompliziertes: „Du bist der Messias“. Messias ist „der Gesalbte“; der Retter, Erlöser, der Gerechtigkeit herstellt und Friede. Das ist zumindest in der religiösen Überlieferung des Volkes Israel essentiell wichtig: Mit dem Messias verändert sich die Welt – und zwar die GANZE WELT. Genau deshalb taten sich auch viele Zeitgenossen Jesu so schwer, ihn als Messias anzuerkennen. Er tat zwar viele Zeichen und Wunder, seine Worte waren wahrlich eine frohe Botschaft, aber deshalb änderte sich in der Wahrnehmung der Menschen eben nicht alles: Die Römer als Besatzungsmacht blieben; Kriege und Gewalt fanden im gesellschaftlichen Leben kein Ende usw…

Ebenso widersprüchlich ist auch in gewisser Hinsicht das, was Jesus dann in der Folge über Petrus aussagt: Er, Simon, sei von nun an ein Fels, auf den Jesus seine Kirche gründen werde. Er, der Simon, der ein paar Zeilen weiter eine fragwürdige Figur bei der Verklärung Jesu abgibt; er, der dann nach der Gefangennahme Jesu alles andere als ein Fels ist; der ihn verleugnet und der nicht unter dem Kreuz steht: Ein Fels?

Von aussen betrachtet existieren wir Menschen sowohl im Alltagsleben, als auch im Religiösen immer inmitten von Widersprüchen. Das weiss auch der Evangelist. Das weiss auch Jesus. Ein „Glaubensschritt“ bleibt uns weder im gesellschaftlichen, als auch im religiösen Leben erspart. Im Gegenteil. Nur, wenn wir den persönlichen Schritt des Vertrauens wagen, erfahren wir etwas von dem, was Petrus mit seinem Glaubensschritt erfahren hat:

„Du bist der, auf den ich immer schon gewartet habe.“ Das sagt Petrus mit seinem Messiasbekenntnis aus.
Eine solche Aussage ist zutiefst persönlich. Sie lässt sich auch nur ehrlich aussagen, wenn da eine Beziehung gewachsen ist.
Petrus hat durch Jesus einen tieferen Sinn seines Glaubens und seines Lebens gefunden. Dieser tiefere Sinn hat ihm keinen äusserlichen Nutzen gebracht. Die Texte des heutigen Tages sind Einladung an uns, sich die Frage zu stellen, die Jesus seinen Jüngern stellte. Ich wünsche uns die Erfahrung, die aus der vertrauenden Antwort erwächst und neuen Mut und Lebenskraft schenkt:

„Du bist der, auf den ich immer schon gewartet habe.“

                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Thomas Lichtleitner

                                                                                                                                                                                                                                                                             


                                                                                                                                                                                                                                                                   




„Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen“

Samstag, 15. August 2020: Festtag

Einführung in die Lesung

      Christliche Feste wollen göttliches Licht austrahlen und bewusst machen. Auch am heutigen Marienfest leuchtet göttliches Licht im Bild von Maria in ihrer Vollendung. Die Liturgie vom heutigen Fest braucht dafür ein dramatisches Bild aus der Apokalypse, dem letzten Buch der Bibel: „Ein grosses Zeichen erscheint am Himmel“. Im gewaltigen Bild wird deutlich: GOTT trägt den Sieg davon, selbst wenn Tod und Sünde die Herrschaft über das Leben des Menschen ergreifen wollen. GOTT allein ist der Schöpfer und Vollender des Lebens.

Hören wir auf diese dramatische, bildhafte Erzählung!

 Lesung aus der Offenbarung des Johannes 
(Offb 11,19a;12,1-6a.10ab)

      Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet und in seinem Tempel wurde die Lade seines Bundes sichtbar. Dann erschien ein grosses Zeichen am Himmel: eine Frau mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füssen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. Ein anderes Zeichen erschien am Himmel und siehe, ein Drache, gross und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der alle Völker mit eisernem Zepter weiden wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt. Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte.
      Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Königsherrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten.

Lesung aus der Frohen Botschaft nach Lukas
(Lukas 1,39-56)

      In jenen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus von Zacharias und begrüsste Elisabet. Und es geschah: Als Elisabet den Gruss Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib.
      Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruss hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen liess.
      Da sagte Maria: Meine Seele preist die Grösse des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Grosses an mir getan und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
      Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheissen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
      Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück.

 Predigtwort
Bilder und Gefühle zu Maria


      Es ist etwas Besonderes in unserem menschlichen Empfinden, dass wir Menschen nicht nur vom reinen Verstandesdenken her leben, sondern auch von Bildern und Empfindungen her. Erfahrungen und Bilder aus unserer frühen JugendzeitErlebnissen aus der Natur, wie auch Bilder und Gefühle aus  ErzählungenMärchenGedichten bewegen uns.
      Es gibt allerdings nicht nur schöne Bilder und Empfindungen, sondern auch schreckliche Erfahrungen, wie plötzliche TodesfälleAttentateGewaltverbrechenFlüchtlingselend, Naturkatastrophen und anderes mehr. Auch diese Bilder und Erfahrungen beeinflussen unser seelisches Empfinden.
      Gegenüber solch schrecklichen Eindrücken weckt in uns das Bild einer Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm das Gefühl von Geborgenheit, von Zuwendung, Frieden und Freude!
      Im heutigen Festtags-Evangelium schildert der Evangelist Lukas  ein eindrückliches Bild: Zwei schwangere Frauen begegnen sichMaria und Elisabeth. Gemäss der Erzählung wirkt JESUS schon im Mutterleib Marias auf den Embryo Johannes in der schwangeren Elisabeth.
      Auf diese vorgeburtliche Erfahrung hin lässt das Lukasevangelium Maria ein tiefsinniges und radikales Gebet sprechen: das Magnifikat. Darin lobt und dankt  Maria GOTT für das Wunderbare, das in ihrem Leben geschieht.
      Was ist denn das Wunderbaredas Besondere in ihrem Leben? Es ist die Gabe und Aufgabe, Mutter zu sein; also liebend da zu sein für die Entfaltung ihres Kindes. Muttersein ist eine Urberufung. Für diese Berufung dankt Maria GOTT.
      Später ist der Sohn Marias dann berühmt geworden. Sein Name JESUS bedeutet: „GOTT rettet“. Durch JESUS, durch sein Leben und Sterben und durch sein Wirken nach dem Tod am Kreuz haben in den letzten zweitausend Jahren unzählige Menschen TrostRettung und Heilerfahren.
      JESUS ist für uns Christen ein göttliches LichtJESUS ist ein Bild, das in unserem Herzen MutVertrauenHoffnung und Frieden ausstrahlen kann.
      Am heutigen Marienfest leuchtet uns auch göttliches Licht in der Glaubenshoffnung:„Maria ist mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen“.
      Die Liturgie vom heutigen Fest braucht dafür Bilder aus dem letzten Buch der Bibel. Darin wird geschildert, dass ein grosses Zeichen am Himmel erschien, nämlich: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, der Mond unter ihren Füssen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.
      Was können solche Bilder für uns bedeuten, in der Welt, in der wir heute leben? Wie kann ich meine Erfahrungen und mein Lebenmeine Freudemeinen Schmerzmein Tun und Unterlassen verstehen im Glaubenslicht dieser Bilder?
      Der berühmte Religionsphilosoph Martin Buber gibt in seine Schrift „Ich und Du“ folgenden Hinweis: „Man muss sich davor hüten, das Gespräch mit GOTT als etwas lediglich neben oder über dem Alltag sich Begebendes zu verstehen. GOTT spricht durch das Geschehen im eigenen Leben, und alles Geschehen in der Welt um uns her macht es für dich und mich zu Weisung, zu Forderung...“
      Das heisst, einfach gesagt, dass schlichte, alltägliche Erfahrungen auch wahre „Gotteserfahrung“ darstellen können; dass also auch unsere persönlichen Lebenserfahrungenuns anregen können zu einem Leben in der Spur JESU.
      Dazu eine schlichte, persönliche Erfahrung: Im Zentrum unseres Altarbildes ist unter dem Kreuz eine Pietà. Der polnische Maler Jan Janczak hat diese Pietà uns vor Augen und ins Herz gemalt.
      Für mich ist dieses Bild immer wieder eine ErmutigungMaria, in der grössten Not, mit ihrem toten Sohn im Schoss, verzweifelt nicht, sondern sieht mit dem Auge des Vertrauens und der Hoffnung in die Zukunft.
      Möchte doch, sowohl in unseren glücklichen Tagen wie auch in schweren Nöten, das Hinblicken auf Maria, die Mutter JESU, auch unser Vertrauen, auch unsere Hoffnung und auch unsere Liebe stärken. So, wie das über Jahrhunderte viele Menschen erfahren haben.

Ich will schliessen mit einer Erfahrung, die der junge Dichter Novalis vor gut 200 Jahren romantisch schön so in Sprache gefasst hat:

                                   Ich sehe dich in tausend Bildern,
                                  MARIA, lieblich ausgedrückt,
                                  doch keins von allen kann dich schildern,
                                  wie meine Seele dich erblickt.

                                  Ich weiss nur, dass der Welt Getümmel
                                  seitdem mir wie ein Traum verweht,
                                  und ein unnennbar süsser Himmel
                                  mir ewig im Gemüte steht. 

Hans Schwegler