Predigt Gedanken


2. Sonntag im Jahrkreis B

Sonntag, 17. Januar 2021

Einführung in die Lesung 1 Samuel 3,3b-10.19

      Zum Menschsein gehört das Lernen. Ab kleinstem Kind bis ins hohe Alter können und sollen wir Menschen lernen. Unser eigenes Leben, die Natur, die Familie, Mitmenschen, Schule, Kultur, Wissenschaften und Religion helfen uns lernen.
      Auch die Heilige Schrift, die Bibel, hilft uns lernen. Wir dürfen und sollen lernen auch in unserer Gottesbeziehung. Wie kann ein Mensch seine Wahrnehmung und die Zeichen im Alltag gut erkennen und auch richtig deuten?
      In der Lesung heute hören wir die ergreifende Berufungserzählung des jugendlichen Samuel. Der heranwachsende Samuel lernt unter Anleitung des Priesters Eli die nächsten richtigen und entscheidenden Schritte zu tun.
      Zuverlässige Hinweise von spirituell erfahrenen Menschen können für die Berufung eines Menschen entscheidend wichtig sein. Hören wir gut auf die berührende Erzählung!

Lesung aus dem ersten Buch Samuel
(1 Samuel 3,3b-10.19)

      In jenen Tagen schlief der junge Samuel im Tempel des HERRN, wo die Lade GOTTES stand. Da rief der HERR den Samuel und Samuel antwortete: Hier bin ich. Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen.  Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen.
      Der HERR rief noch einmal: Samuel! Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen! Samuel kannte den HERRN noch nicht und das Wort des HERRN war ihm noch nicht offenbart worden.
      Da rief der HERR den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der HERR den Knaben gerufen hatte. Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich ruft, dann antworte: Rede, HERR; denn dein Diener hört. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder.
      Da kam der HERR, trat heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel antwortete:
      Rede, denn dein Diener hört. Samuel wuchs heran und der HERR war mit ihm und liess keines von all seinen Worten zu Boden fallen.

Lesung aus dem heiligen Evangelium nach Johannes
(Johannes 1,35-42)

      In jener Zeit stand Johannes am Jordan, wo er taufte, und zwei seiner Jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagt: Seht, das Lamm GOTTES! Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.
      Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heisst übersetzt: Meister –, wo wohnst du? Er sagte zu ihnen: Kommt und seht!  Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.
      Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden – das heisst übersetzt: Christus – der Gesalbte. Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst KEPHAS HEISSEN, das bedeutet Petrus, Fels.

Predigtwort
„Wo wohnst du?“

      Das Johannesevangelium, das wir eben gehört haben, schildert uns ein schicksalshafte Begegnung. Da sind zwei junge Männer. Sie haben die anregende Predigt des Johannes gehört und sein Ritual der Taufe im am Jordan miterlebt. Der  schlichte Mönch Johannes aus dem Kloster Qumran, hat ihnen Eindruck gemacht und ihr Leben ein Stück verändert und so sind sie zu Schüler des Johannes geworden.
      Eines Tags, als sie mit Johannes am Jordan waren, ging ein junger Mann an ihnen vorbei. Da richtet Johannes seinen Blick auf den Vorübergehenden und sagt: „Seht, das Lamm GOTTES!“ Auf das hin folgten die beiden Johannesjünger dem unbekannten Mann mit Namen Jesus.
      Wie Jesus sich umwendet und fragt: Was sucht ihr? sagen sie zu ihm: Rabbi, wo wohnst du? Da sagt Jesus zu ihnen: Kommt und seht!
      Da gehen sie mit ihm und sehen, wo er wohnt; und sie bleiben bei ihm den ganzen Tag. Der  intensive Einblick in die Lebenswelt Jesu hat sie offensichtlich sehr beeindruckt. Und wie schon die Begegnung mit Johannes ihr Leben beeinflusst hat, so verändert nun auch die Begegnung mit Jesus ihr Leben fundamental. Sie gestalten ihr Leben um, indem sie versuchen, in der Spur Jesu zu denken, zu leben und zu handeln.
      An diesem Beispiel zeigt sich zweimal die wichtige Bedeutung der menschlichen Erfahrung, die wir „Begegnung“ nennen.
      Der bedeutende jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat 1923 zu der Erfahrung „Begegnung“ ein kleines, aber sehr eindrückliches Buch geschrieben mit dem Titel „Ich und Du“. Dort heisst es an zentraler Stelle: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“
      In seinem später verfassten autobiographischen Büchlein „Begegnung“ bekennt Buber seine persönliche Erfahrung mit folgenden Worten: „Es ereignete sich nichts weiter, als dass ich einmal, an einem Vormittag nach einem Morgen „religiöser Begeisterung“, den Besuch eines unbekannten jungen Menschen empfing, ohne mit der Seele dabei zu sein. Ich liess es durchaus nicht an einem freundlichen Entgegenkommen fehlen,... ich unterhielt mich mit ihm aufmerksam und freimütig – und unterliess nur, die Fragen zu erraten, die er nicht stellte.
      Der junge Mensch ist bald darauf, zu Anfang des ersten Weltkriegs, gefallen. Buber hat dann von einem seiner Freunde erfahren, dass dieser junge Mensch nicht beiläufig, sondern schicksalshaft zu Buber gekommen war, nicht um zu  plaudern, sondern um eine wichtige Entscheidung zu fällen.
      Und Martin Buber hat nach dieser Begegnung und dem Tod dieses jungen Menschen für sich nachgedacht: Was erwarten wir, wenn wir verzweifeln und doch noch  zu einem Menschen gehen? Und er gibt sich die Antwort: Bei einer solchen Begegnung erwarten wir eine Gegenwärtigkeit, durch die uns gesagt wird, dass es ihn dennoch gibt, den Sinn.“ Seit dieser Erfahrung hat sich für Buber sein Leben verändert.
      Kehren wir in Gedanken zurück zu der Begegnung von Samuel und Eli und zu der Begegnung der jüdischen Fischer mit Johannes dem Täufer und mit JESUS aus Nazareth.

      Mir scheint, es kann gerade in unserer heutigen, aktuellen Pandemie-Zeit hilfreich sein, mal über Begegnungen in unserem Leben nachzudenken. 

Wir können uns still und ehrlich fragen:
-       Mit wem ist es in meinem Leben zu einer echten Begegnung gekommen?
-       Was habe ich durch diese Begegnung gelernt?
-       Wie hat sich mein Leben verändert? Vertieft? seelisch bereichert? 

Ein zweiter Aspekt unseres ganz persönlichen Fragens kann sein:
-       wie schaffe ich in unserer Pandemie-Zeit hilfreiche Situationen und Voraussetzungen für echte Begegnung?

Vergessen wir nicht:
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“
Und das heutige Evangelium bekräftigt uns:
Echte Begegnungen sind Türöffner
für persönliche, lebenserfüllende Berufung.

Hans Schwegler



Predigt zu Lk 2,1-14: Authentische Weihnacht, oder: Trotzdem Vertrauen, Hoffen und Lieben.

Liebe Gottesdienstbesucherinnen und –besucher,
sie haben sich spät in der Nacht noch einmal auf den Weg gemacht, um diesen Heiligen Abend hier in der Kirche unter ganz speziellen Umständen abzuschliessen. Dafür danke ich Ihnen, denn es ist nicht selbstverständlich, sich vielleicht müde und etwas abgespannt auf den Weg zu machen, unter solchen Bedingungen; so spät.

Authentisch!
Immerhin können wir sagen, dass dieser Gottesdienst sich der damaligen Situation in Bethlehem inhaltlich etwas annähert, also authentischer wird:

-    Auch heute müssen wir uns – sofern wir in der Kirche den Gottesdienst mitfeiern wollen – in Listen eintragen. Das sind zwar keine Steuerlisten (hoffentlich), aber Anwesenheitslisten, die zur Nachverfolgung einer unsichtbaren, aber sehr spürbaren Bedrohung dienen.
-    In der Kirche wäre zwar Platz, aber es ist eben nicht genügend Platz für all jene, die heute normalerweise gekommen wären: Für die Jugendlichen; für die ehemaligen und aktuellen Jungwächtler und Blauringler, für die Familien und ihre Kinder, für die Paare, Alleinstehenden, älteren Gemeindemitglieder, die diesen Gottesdienst in den letzten Jahren und Jahrzehnten als Ort der Besinnung und der Ruhe in der Mitternachtsmesse aufgesucht haben.
-    Und singen – darauf werden wir ebenso wie Joseph und Maria, sowie die Hirten verzichten müssen. Für Joseph und Maria kein Wunder – ihnen stand damals nach einer gerade erfolgten Geburt in einem Stall ohne Hilfe von Familienmitgliedern oder Hebammen wohl nicht der Sinn nach Singen.
Und die Hirten hatten (sofern wir uns sehr eng am Text des Evangelisten orientieren wollen) sicherlich vollends damit zu tun, angesichts der ausserordentlichen Vorkommnisse mit Engeln und Licht gleichzeitig die Ruhe ihrer Schafherde zu gewährleisten.
Uns heute wird es schwerer fallen, die liebgewonnenen Verse und Melodien dieser Nacht und dieses Festes nicht mit freudigem Gesang auszudrücken!
Wie damals übernehmen andere diesen Part: Unsere Instrumentalisten, die nun in der Aufgabe der Engel stehen, das Gloria der Heiligen Nacht auszudrücken.

Alles anders.
Ja – es ist alles anders. Und es ist bedrückend. Viele von uns leiden unter dieser Zeit – gesundheitlich, wirtschaftlich, familiär.
Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Das trifft sich schon wieder mit der Weihnachtserzählung, in der es heisst, dass Maria und Josef mit dem Kind einen langen Umweg nehmen mussten, über die Fremde, über Ägypten, damit das Kind nicht ermordet wurde.
Viele von uns fühlen sich sicher auch fremd, inmitten des Gewohnten. Wir sind gezwungen, umzudenken, umzuplanen.
Aus fröhlichen Weihnachten werden definitiv eher meditative Weihnachten. Manche halten diese Spannung nicht mehr aus, wollen ausbrechen; raus aus dieser depressiven Stimmung.

So ist Weihnachten – ganz anders
Es ist eigentlich ein wenig gemein: Aber genau dieses Gefühl wollte wohl der Verfasser des Evangeliums vermitteln: Umdenken, von Gewohntem Abschied nehmen, unbekanntes Land betreten: GOTT WIRD MENSCH; das Kleine ist das, woraus Heil entsteht, nicht das Grosse und Mächtige; Schritte tun – auf ins Ungewisse hinein.
Das war der Ausgangspunkt der ersten Christen, der ersten Gemeinden. Wohin die Reise gehen würde, wusste niemand. Aber der Proviant der Reise, der Glaube, die Hoffnung und die Liebe der Frohen Botschaft, die reichten offenbar mindestens 2000 Jahre lang.

Folgendes Gedicht wurde mir in den letzten Wochen besonders wichtig:

Das Licht wird aus dem Schloss der Nacht geboren,
es leuchten Sterne nur auf dunklem Grunde,
drum, Menschenkind, gib nimmer dich
verloren,
und harr’ getrost der weihnachtlichen Stunde!
Wenn du beharrst, es nah’n auch deiner Kammer
dereinst die Hirten mit der frohen Kunde -
die Nacht wird hell, es schwinden Not und Jammer,
und Lobgesang tönt von der Engel Mund.
Gerhard von Amyntor
(1831-1910)
    
Ich wünsche Ihnen diese Hirten mit froher Kunde, die Nähe des in Bethlehem geborenen Kindes – und im Herzen jedes Menschen, der bereit ist, sich geduldig zu öffnen.
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   
Thomas Lichtleitner
                                                               
          



Weihnachten
25. Dezember 2020

„Güte und Menschenliebe GOTTES“

 Einführung in die Lesung Jesaja 52,7-10

         Die christlichen Feiertage sind Erinnerungstage und Lerntage, die uns immer wieder zu Grundthemen unseres Glaubens und unseres Lebens führen.
         Die heutige Lesung am Weihnachtstag führt zurück in die Zeit des Prophetenbuches Jesaja im 6. Jahrhundert vor Christus. Grosse Teile des Volkes Israel waren aus der Heimat vertrieben und lebten seit rund 40 Jahren im Exil in Babylonien. Nun können sie heimkehren. 
         Das ist zunächst eine grosse Freude. Aber daheim in Israel ist Krisenzeit: Krise nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig und gefühlsmässig. Der Tempel ist zerstört und damit auch wichtige Stützen der religiös-völkischen Identität; religiös-ethische Werte sind in Frage gestellt; Sicherheiten sind zerstört, Beziehungen sind zerbrochen, die Zukunft erscheint ungewiss.
        Um solche Krisensituation zu bestehen ist starke Glaubensüberzeugung und starkes Vertrauen nötig.
Die prophetische Stimme im Jesajabuch stützte damals intensiv die Hoffnung auf Frieden und Rettung des Volkes.
         Gut 500 Jahre später hat mit JESUS von Nazaret innerhalb vom jüdischen Volk etwas begonnen, das bis heute in Bewegung ist: der christliche Glaube mit der zentralen Botschaft der „Güte und Menschenliebe GOTTES“, wie der Titusbrief bekennt.
         Auch wenn wir als religiös glaubende Menschen uns heute manchmal im Exil fühlen, vertrauen wir dennoch darauf, dass sich einmal erfüllen wird, was damals begann, und was das Prophetenbuch Jesaja so formuliert hat: „Alle Enden der Erde werden das Heil unseres GOTTES sehen.“
Hören wir nun achtsam auf die prophetischen Worte !

 

Lesung aus dem Buch Jesaja
(Jesaja 52,7-10)

      Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheisst, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König.
      Horch, deine Wächter erheben die Stimme, sie beginnen alle zu jubeln. Denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der HERR nach Zion zurückkehrt.
      Brecht in Jubel aus, jauchzt zusammen, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der HERR hat sein Volk getröstet, er hat Jerusalem erlöst. Der HERR hat seinen heiligen Arm vor den Augen aller Nationen entblösst und alle Enden der Erde werden das Heil unseres GOTTES sehen.
 

Lesung aus dem Evangelium nach Johannes
(Johannes 1,1-5.9-14)

      Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.
      Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
      Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
      Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.

Predigtwort
„Güte und Menschenliebe GOTTES“

      Liebe Brüder und Schwestern in CHRISTUS!

Wir feiern Weihnachten. Dieses Jahr in der besonderen Zeit der Corona-Pandemie.
      In einer Zeit von globaler gesundheitlicher, wirtschaftlicher und  menschlicher Krise kann die Frage aufkommen: Was bedeutet den Christen das Fest Weihnachten?
      Anders gefragt: Was würde ich einem anderen, vielleicht muslimischen Nachbarn, antworten  auf die Frage: Was feiert ihr Christen an Weihnachten?
      Im heutigen Festtagsevangelium lesen wir dazu: „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14).
      Mit diesem Satz fasst das Johannesevangelium zusammen, was wir an Weihnachten feiern, nämlich: In JESUS CHRISTUS hat GOTT so unter uns gewohnt, dass uns die Augen aufgehen für seine verborgene Gegenwart. In JESUS CHRISTUS erfahren wir GOTTES Nähe in einer nie dagewesenen Weise.
      Der katholische Theologe Karl Rahner hat diese Erfahrung einmal eindrücklich so formuliert: „GOTT hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort  in die Welt hineingesagt. Und dieses Wort heisst: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch.“

Wenn das Johannesevangelium formuliert, „das Wort ist Fleisch geworden“, so heisst das:
      GOTT wird im Menschen JESUS von Nazaret spürbar und erfahrbar.
      Weihnachten will uns also empfänglich machen für die „Güte und Menschenliebe GOTTES“, wie der Titusbrief das einprägsam formuliert hat (Tit 3,4).
Am Weihnachtsfest im Jahr von einer äusserst schweren globalen Krise, fragen wir uns vielleicht: Wo finden wir GOTT heute?
      Wir finden GOTT in dem, was menschliches Leben ist und ausmacht. Menschliches Leben ist besonders original erfahrbar im Kindin den Kindern. Denn in jedem Kind leuchtet etwas Uranfängliches auf, etwas Unverbrauchtes. In den Kindern geht uns eine neue Welt auf.
      Wir finden GOTT auch bei den Müttern und Vätern, die sich um ihre Kinder sorgen.
      Wir sehen und erfahren GOTT auch dort, wo JESUS unsere Aufmerksamkeit hinlenkt, wenn er durch sein Reden und Wirken öffentlich bekannt macht: Selig, die Frieden stiftenselig, die Hungernde sättigendie Gefangene besuchen und befreiendie Traurige trösten und Kranke heilen und pflegen.
      Weihnachten sagt uns: die Handlungsweise GOTTES ist nicht Gewalt und Hass, nicht Ausbeutung und  Unterdrückung. Die Handlungsweise GOTTES ist und bleibt die Haltung und Sprache der Liebe und der Versöhnung, der Gerechtigkeit, der Rettung und der Solidarität aller, die erschüttert sind.
      GOTT ist wohl nie ganz zu fassen ist, aber ER spricht uns an in menschlichenGesichtern und Geschichten, im menschlichen Lachen und Weinen, im menschlichen Klagen und Hoffen. Er spricht zu uns durch unsere konkrete und alltägliche Welt.
      Wie vor 2000 Jahren im Kindlein JESUS in der Krippe zu Bethlehem sich GOTT gezeigt hatzeigt sich GOTT auch heute überall da, wo menschliches Leben uns anschaut und anfragt. GOTT spricht menschlich durch die, welche im Sinne JESU leben undwirkenGOTT ist Liebe und wo Liebe geübt und geschenkt wird von Mensch zu Mensch, da ist GOTT.
      Ich möchte schliessen mit einem Wort der berühmten Philosophin Hannah Arendt. Sie war Jüdin und in religiöser Hinsicht Agnostikerin; sie hat den Holocaust überlebt und intensiv als Philosophin gewirkt und ist 1975 im Alter von 69 Jahren in New York City gestorben. An zentraler Stelle ihres Hauptwerkes findet sich der erstaunliche Satz:

„Dass man in der Welt Vertrauen haben
und dass man für die Welt hoffen darf,
ist vielleicht nirgends knapper und schöner
ausgedrückt als in den Worten,
mit denen die Weihnachtsoratorien‚
die frohe Botschaft verkünden:
‚Uns ist ein Kind geboren’“.

 

Hans Schwegler