Predigt Gedanken


15. Sonntag im Jahreskreis C

Predigt am 13./14. Juli 2019

Der barmherzige Samariter – eine bekannte Geschichte mit drei Erkenntnissen

Texte: Lesung:    Dtn 30,10-14; Evangelium: Lk 10,25-37

 

  1. 1.      Erkenntnis: Barmherzigkeit ist ohne Begrenzung

Es gibt Bibelstellen, die fallen einem Menschen auch nach langer Zeit der kirchlichen Abstinenz noch ein. Zu diesen Geschichten gehört sicher die des barmherzigen Samariters.

Sie drückt auf ihre Weise eine geradezu revolutionäre Andersartigkeit der Botschaft Jesu im Kontext seiner damaligen Umwelt – und bis heute – aus. In dieser Erzählung geht es um die Frage, wen Gott mit dem Menschen meint, der der Nächste ist – dem man also Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Gastfreundschaft angedeihen lässt.

Der Mann aus Samarien ist ein Symbol für die Teile des Volkes Israel, die sich mit anderen Völkern gemischt hatten und als Folge davon auch ein anderes Religionsverständnis entwickelten. Diese Vermischungstendenzen waren für die Identität des kleinen jüdischen Volkes natürlich eine Gefahr. Man grenzte sich lieber ab, ja mehr noch, man betrachtete sich gegenseitig mit feindlicher Ablehnung.

Wenn nun der Samariter bereit ist, dem Juden das Leben zu retten, ihn zu verarzten und gleichsam „erste Hilfe“ leistet, so ist das eine Verdeutlichung von Liebe gegenüber Freund und Feind, die – in ihrer Konsequenz zu Ende gedacht – eine ungeheure Herausforderung darstellt.

Keine Frage: Wir pflichten dem Samariter bei, wir finden es einfach gut, wie er hilft, schnell und unkompliziert. (Sein Beispiel machte übrigens Schule. Eine der ersten gesellschaftlichen Veränderungen, welche durch das Christentum einzogen, betraf den Aufbau eines Hospizsystems. Noch heute ist der Samariter in den vielen Samaritervereinen verewigt.)

Dazu gesellt sich vielleicht eine heute ganz aktuelle Form des „Kleriker-Bashings“: Die Kritik an geistlichen Amtsträgern, wie sie uns im Priester und Leviten begegnen, die wissentlich am Sterbenden vorübergehen, um sich nicht die Hände schmutzig zu machen.

Ich denke nicht, dass es Jesus darum geht, einen Beruf(ungs)stand zu diskreditieren. Es geht um die Grundeinstellung, gleichsam um eine „Disposition der Achtsamkeit“.

 

Diese Grundeinstellung der Achtsamkeit und des „Gefühls für den Nächsten“ ist eine göttliche Tugend – und deshalb nicht begrenzbar auf Menschen, die wir mögen.

 

  1. 2.     Erkenntnis: Vergesst den Wirt nicht!

Ich muss gestehen, dass ich mich bisher bei dieser Geschichte auch nur um diese drei Personen Gedanken machte. Es gibt aber noch einen: Den Wirt! Irgendwie kommt er schlecht weg. Betrachten wir doch die ganze Sache mal aus dem Blickwinkel eines Menschen, der vom Zuschauer zur tragenden Figur wird:

Stellen Sie sich ein Gasthaus auf einer Strasse zwischen Jericho und Jerusalem vor. Dieses Gasthaus beherbergt Durchreisende. Es ist eine raue Gegend. Überfälle auf solchen Strassen sind an der Tagesordnung. Ein Fremder nun bittet ihn um ein Zimmer für ihn und einen Schwerverletzten. Der Wirt ist kein Arzt! Und das Gasthaus ist kein Spital – das dürfte uns spätestens seit der Geburtserzählung Jesu bekannt sein, in der Maria und Josef unverrichteter Dinge von Haus zu Haus ziehen und trotz Schwangerschaft Marias kein Gastzimmer bekommen. Was in den Geburtserzählungen auf die Hartherzigkeit der Bewohner von Bethlehem hinausläuft, bekommt nun vielleicht unfreiwillig in der Geschichte vom barmherzigen Samariter eine ganz andere Bedeutung.

 

Der Wirt nimmt die beiden Gäste auf. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich! Den Samariter kennt er nicht; sein Landsmann ist ein blutverschmierter Schwerverletzter. Da könnte man sich schnell Scherereien aufhalsen. Vielleicht hat ja der Fremde selbst die Hände im Spiel beim Überfall auf diesen Juden?!

Und dann noch das: Am nächsten Morgen sagt der „Erste-Hilfe-Leister“ Tschau und macht sich aus dem Staub. Gut – er gibt dem Wirt Geld zur Pflege des Verletzten, aber wie gesagt: Ein Wirt ist kein Arzt und ein Gasthaus kein Spital. Und: Anscheinend war es etwas wenig Geld für die ganze Pflege, denn der Samariter bietet sich an, wieder vorbeizukommen und den allfälligen Rest zu bezahlen.

Wir wissen bis heute nicht, ob dem Wirt alle Auslagen bezahlt wurden – auf jeden Fall hat es sich wohl auch werbetechnisch nicht für ihn gelohnt, denn bis heute ist diese Geschichte immer noch unter dem Titel „Barmherziger Samariter“ anstatt „Barmherziger Wirt“ bekannt.

 

Das Fundament der Nächstenliebe

Bitte lachen sie jetzt nicht über diese etwas flapsigen Bemerkungen und nehmen sie mir diese Interpretation nicht übel. Ich denke, dass es für uns Menschen am Beginn des 21. Jahrhunderts tatsächlich aussagekräftiger ist, wie sich der Wirt verhält. Er verhält sich pflichtbewusst und liebevoll dort, wo er zuhause ist. Es ist vielleicht viel zu kurz gegriffen, christliche Nächstenliebe am Samariter festzumachen. Sein Engagement ist zweifellos unendlich wertvoll: Er rettet das Leben ohne Ansehen der Person. Der Wirt aber pflegt den Verletzten, mitten in seinem häuslichen Umfeld, ohne nach Profit zu sehen. Solche Anfragen an unsere christliche Nächstenliebe scheinen mit viel alltäglicher zu sein als die Ersthilfe bei einer Katastrophe oder einem schweren Unfall. Diese Hilfsanfragen stellen unsere Geduld immer wieder auf die Probe, kommen ungelegen und können ärgerlich machen.

 

  1. 3.     Erkenntnis: Barmherzigkeit ist solidarisch

Auf eine Art ist die Geschichte des Samariters für mich sehr modern. Wir leben heute ja in einer Welt, in der viel auf Zusammenhänge und Verbindungen Wert gelegt wird.

Das ist gut so. So sehr man als Mensch immer wieder in Gesellschaft, Berufs- oder Privatleben geneigt ist, seine eigenen Leistungen in den Mittelpunkt zu stellen, so sehr ist doch auch klar, dass Erfolge und glückliches Leben in erster Linie eine Frucht von guter Teamarbeit oder geglückter Beziehung und Familienleben sind. Ganz für sich allein wird man nicht glücklich!

 

Die Geschichte des barmherzigen Samariters und des barmherzigen Wirtes zeigen mir, dass auch christliche Barmherzigkeit keine isolierte Einstellung ist. Die beiden sind je für sich zur rechten Zeit am rechten Ort und entscheiden richtig. Der Samariter wäre vielleicht mit der Pflege überfordert gewesen. Auf jeden Fall muss er am nächsten Tag weiter. Dafür ist der Wirt da, der sich in Dienst nehmen lässt, bis er wieder vom Samariter abgelöst wird.

Christliche Barmherzigkeit ist kein heroisches Einzelkämpfer-Dasein. Als christliche Gemeinschaft gehört es zur Tugend der Barmherzigkeit, dass wir miteinander Lasten sehen und gemeinsam tragen.

In unserer Geschichte heisst dies für mich, die spontane Nächstenliebe des Samariters mit der Ausdauer des Wirtes zu verknüpfen und so ein Zeichen im Alltag zu setzen, dass uns im alltäglichen Gespräch das Schicksal des anderen Menschen nicht egal ist. Dass man nicht nur informiert sein möchte, sondern aus dem Wissen um Not so gut es geht gemeinsam zur Aktion überzugehen – in Spontaneität und Achtsamkeit.

Thomas Lichtleitner



12. Sonntag im Jahreskreis C
Sonntag, 23. Juni 2019 


Einführung in Lesung und Evangelium

      Der aktuelle Frauenstreik am vorletzten Freitag hat viele Menschen in unserer Schweiz bewegt. Höchst interessant ist die Tatsache, dass der Völkerapostel Paulus bereits vor bald 2000 Jahren das Anliegen für die Gleichberechtigung der Frauen verkündet und begründet hat. So steht es in der heutigen Lesung im Brief an die Christengemeinde in Galatien. Das Evangelium seinerseits stellt wichtige Fragen an die Jünger und Jüngerinnen damals und auch heute an uns. Hören wir gut auf Lesung und Evangelium!

 

Aus der Sonntagslesung
(Glaterbrief 3,26-29)

 

      Schwestern und Brüder! Ihr alle seid durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid „einer“ in Christus Jesus.

      Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verheissung.

 

Aus dem Sonntagsevangelium
(Lukas 9,18-24)

 

      In jener Zeit betete Jesus für sich allein und die Jünger waren bei ihm. Da fragte er sie: Für wen halten mich die Leute? Sie antworteten: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija; wieder andere sagen: Einer der alten Propheten ist auferstanden.

      Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Petrus antwortete: Für den Christus Gottes. Doch er befahl ihnen und wies sie an, es niemandem zu sagen.

      Und er sagte: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet werden und am dritten Tage auferweckt werden.

      Zu allen sagte er: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.

 
Predigtwort
„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“

      Die Bibel, das Buch, dieser Schatz von menschlichen Erfahrungen über Jahrhunderten hin, schenkt immer wieder Impulse für volles Leben.

      Im heutigen Evangelium stellt Jesus die Frage an seine Jünger: „Für wen halten mich die Leute?“. Da nennen die Jünger einige Vorbilder aus der Geschichte Jissraels: Johannes der Täufer, Elija oder einer der Propheten. Noch persönlicher fragt Jesus dann seine Jünger und Jüngerinnen: „Für wen haltet ihr mich?“ Das war vor bald 2000 Jahren.

      Wenn aber heute gefragt wird: Für wen halten moderne Christen Jesus? oder konkreter noch: für wen halte ich Jesus?, dann berührt die Frage uns persönlich und existenziell; die Antworten darauf sind dann subjektiv und wohl sehr verschieden je nach persönlichen Erfahrungen und Lebenssituationen.

      Eine häufig gehörte Antwort von heutigen modernen Christen ist: Jesus ist für mich ein hervorragender Mensch, ein Vorbild, wie man menschlich gut leben soll. Bei Jesus und an ihm lerne ich, was echtes Vertrauen, Hoffen und Lieben ist. An seinen Gleichnissen, seinem Wirken, seinem Leben und Sterben wird mir ein Weg gezeigt von vertrauendem, offenem Menschsein. 

      Mir scheint, dass heute oftmals Christen in dieser Art und Weise von Jesus betroffen und bewegt sind; zugleich fällt mir auf, dass es auch Katholiken in unserer Zeit oftmals schwer fällt, an Jesus Christus als den Auferstandenen, den Messias, den Sohn Gottes, zu glauben.

      Ich kann das gut verstehen. Es ist tatsächlich begreiflicher für den Verstand, sich von den packenden Gleichnissen und wunderbaren Heilungen Jesu überzeugen zu lassen als vom erschreckenden Kreuzestod Jesu.

      Authentisches christliches Glauben und Vertrauen geht allerdings noch einen Schritt weiter. Die Jüngergruppe Jesu hat nach dem katastrophalen Kreuzestod ihres Meisters etwas erlebt, das all ihr bisheriges Erfahren überstiegen hat. 

      Neu und überraschend haben Jüngerinnen und Jünger die Kraft  und Wirksamkeit ihres verstorbenen Meisters erlebt. Das war eine Erfahrung, die sie nur mit Worten wie Auferweckung oder Auferstehung benennen konnten. Die Kraft von der Anwesenheit JESU CHRISTI war so stark und das Licht seines neuen Lebenssinnes leuchtete so intensiv, dass die erstaunten und bewegten Jünger und Jüngerinnen der Person Jesu eine neue Qualität zuordnen mussten. Charakteristischer Name dafür war der aus der Geschichte Jissraels und der hebräischen Bibel erwachsene Titel „Messias“, auf griechisch heisst das „Christos“, zu deutsch: der „Gesalbte“. 

      Die Erfahrung dieser Kraft Gottes hat man mittels der griechischen Philosophie und Sprache formuliert und im Apostolischen Glaubensbekenntnis im Konzil von Konstantinopel anno 381 festgehalten. Bis heute findet sich dieses Glaubensbekenntnis in der römischen Messliturgie.

      Es ist klar, dass dieses Glaubensbekenntnis aus dem 4. Jh., heute, im Zeitalter der modernen Wissenschaft und Technik in unsere moderne Welt übersetzt werden muss.

      Es gibt drei wesentliche Zugänge zum Glauben an Jesus Christus. Der erste und heute vielleicht offenste Zugang ist Jesu Leben und Wirken, also das, was Jesus gesagt und gewirkt hat als Mensch in seiner Zeit. Bis heute ist Jesus uns Vorbild, Lehrer, Meister, Freund. An Jesus kann sich eine Beziehung, eine Freundschaft, eine Liebe entzünden, die uns ein Leben lang hilft und trägt. Wenn wir in seiner Spur vorangehen, wird unser Leben menschlich, sinnerfüllt, liebevoll, mutig und vertrauend.

      Ein zweiter, innerer Zugang ist Jesus am Kreuz. Durch das Erfahren von Leiden, Schmerz und Tod. Ich vergesse nie, was ich als Siebzehnjähriger erlebt habe, als ich plötzlich todkrank war. Da waren es nicht so sehr die Worte der Menschen, die mich getröstet haben; Mut und Vertrauen hat mir der Blick aufs Kreuz gegeben und der Gedanke: Auch Jesus hat Leiden, Schmerz und Tod erlebt und durchgestanden; ich bin nicht allein. Sein Leiden und Sterben war nicht nutzlos, es hat sich als sinnstiftend erwiesen.

      Der dritte Zugang zu Jesus Christus ist ein spiritueller, mystischer. Der Apostel Paulus hat diese Beziehung zu Jesus Christus intensivst erlebt als innerseelische Erfahrung, die Menschen spirituell tief und innig mit Jesus Christus verbindet. Durch die Eucharistie, durch liebendes inneres Gespräch mit Jesus Christus, durch Meditieren der Jesusworte im Evangelium, kann sich ein wunderbares Getragensein und Geführtsein ergeben. Man nennt das Christusmystik.

      Die drei Zugänge oder Erfahrungsfelder finden sich auch auf unserem Altarbild: Zunächst Jesus, der die gebeugte Frau heilt zu aufrechtem Gang. Eine der wichtigen Erfahrungen in unserem Leben: Heil werden zum aufrechten Gang. 

      Dann im Zentrum unseres Altarbildes: Jesus am Kreuz mit offenen Armen im Sinne des Johannesevangeliums: „Wenn ich erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen“ (Joh 12,32). Erfahren von Geborgenheit und Getragensein inmitten von Leiden, Schmerz und Tod.

      Und schliesslich im Bild ganz rechts nach dem erschütternden Kreuzestod Jesu die Erfahrung der Jünger: „Jesus Christus lebt; er ist mitten unter uns“. Nicht leiblicherweise, sondern geistigerweise, als die neue Melodie, die er uns spielt und die uns hilft, miteinander in Frieden und Freude zu leben und etwas vom Ideal des Reiches Gottes zu verwirklichen.

 

Dass diese neue Melodie nicht erstickt 
im lauten Betrieb und in der Geschäftigkeit unserer Zeit, 
dazu sind wir auch hier beisammen in unserer St. Annakirche, 
um miteinander stille zu werden, zu hören, zu beten, 
zu singen, zu erinnern und zu feiern.
Hans Schwegler







Kirchenweihfest 2019

Samstag / Sonntag, 1. / 2. Juni 2019

Einführung in Lesung und Evangelium

     Die Lesung aus der Apostelgeschichte zeigt uns, wie schon die Jünger und Jüngerinnen nach dem Tod JESU sich in Jerusalem im Abendmahlsaal gemeinsam zusammengefunden haben gemeinsam Beten und Sich-Erinnern an JESUS.
      Als Evangelium hören wir dann die wunderbare Erzählung von der Begegnung JESU mit der gekrümmten Frau.
      Diese Erzählung ist in unserem Altarbild festgehalten. Sie ist uns Sinnbild für das, was unsere St. Annakirche sein möchte: Ein Ort der Stille und des Trostes.
      Wer immer in unsere St. Annakirche hineinkommt und betet, soll von seiner seelischen Gebeugtheit aufgerichtet werden zum aufrechten Sein vor GOTT und sich selbst.

         Hören wir nun gut auf die Lesung und das Evangelium!

Lesung aus der Apostelgeschichte

(Apostelgeschichte 1,12-14)

      Die Jünger kehrten vom Berg, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg von Jerusalem entfernt ist, nach Jerusalem zurück.
      Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomeus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus. Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen  Brüdern.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas

(Lukas 13,10-17)

      Am Sabbat lehrte Jesus in einer Synagoge. Und siehe, da war eine Frau, die seit achtzehn Jahren krank war, weil sie von einem Krankheitsgeist geplagt wurde; sie war ganz verkrümmt und sie konnte nicht mehr aufrecht gehen.
      Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau, du bist von deinem Leiden erlöst.Und er legte ihr die Hände auf. Im gleichen Augenblick richtete sie sich auf und pries Gott.
      Der Synagogenvorsteher aber war empört darüber, dass Jesus am Sabbat heilte, und sagte zu den Leuten: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen Tagen und lasst euch heilen, nicht am Sabbat!
      Der Herr erwiderte ihm: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Diese Frau aber, die eine Tochter Abrahams ist und die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt, sollte am Sabbat nicht davon befreit werden dürfen?
      Durch diese Worte wurden alle seine Gegner beschämt; das ganze Volk aber freute sich über all die grossen Taten, die er vollbrachte.

Predigtwort

Unsere St. Annakirche

      Heute, am Gedenktag der Erneuerung und Einweihung unserer St. Annakirche, möchte ich mit Euch nachdenken über einige besondere Gegebenheiten in unserem Kirchenraum.
      Wenn wir unsere Kirche betreten fallen sofort ins Auge drei Skulpturen aus Jura-Kalkstein: der Taufstein, der Ambo und der Altar.
      Der Taufstein am Eingang der Kirche ist ein markantes Zeichen für die Taufe als Sakrament und Mysterium, das uns einweiht in das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu Christi. In der Taufe hören wir die Stimme GOTTES an uns: „Du bist mein geliebter Sohn, du bist meine geliebte Tochter.“ Und jedesmal, wenn wir beim Betreten und Verlassen des Kirchenraumes Weihwasser nehmen und das Kreuzzeichen machen, will dieses Zeichen erinnern an die Taufe und damit auch an GOTTES Liebe und Schutz über uns.
      Der Ambo im Altarraum vorn links ist eine besondere Stelle. Von diesem Ort aus wird im Gottesdienst aus der hebräischen Bibel, dem sog. Alten oder besser Ersten Testament und aus dem griechischen Neuen Testament vorgelesen. Das bedeutet, dass hier vom Ambo aus die Frohbotschaft von GOTTES Kraft und Liebe verkündet werden, so wie sie im Zeitalter der Bibel erlebt und heute in unserer modernen Zeit gedeutet werden.
      Die Form des Ambo haben wir übernommen vom ältesten Kloster in der Schweiz, vom Benediktinerkloster Romainmôtier (erste Gründung im 5. Jahrhundert).
      Im Zentrum vorn in der Kirche ist der Altar, der Tisch für die Eucharistiefeier, diese Erinnerung an das Liebesmahl Jesu mit seinen Jüngern und Jüngerinnen.
      Von dem Geheimnis, das auf dem Altar gefeiert wird, erzählt auch das grosse Glasfenster aus der ursprünglichen Kirche. Da sind die Gaben von Brot und Wein, die uns zum Leben dienen und die im Gottesdienst durch das Zentrum des Kreuzes im Gottesdienst uns zum Sakrament der Stärkung werden für unser Vertrauen auf GOTTES Liebe zu uns.
      Etwas Besonderes in unserer Kirche ist der siebenarmige Leuchter. In seiner Mitte brennt das Licht,  Tag und Nacht, das sogenannte „ewige Licht“, und symbolisiert so die Anwesenheit GOTTES. Im Gottesdienst leuchten jeweils alle sieben Lichter.
      Der siebenarmige Leuchter heisst auf hebräisch „Menora“ und ist ein wichtiges religiösen Symbol des Judentums:
      Schon im zweiten Buch der Bibel, im Buch Exodus, ist die Menora mehrfach erwähnt. Sie stand im Offenbarungszelt des Moses, dann im Tempel Salomos in Jerusalem, und tausend Jahre später auch im Tempel des Herodes zur Zeit Jesu. Die sieben Arme mit den sieben Lichtern symbolisieren die sieben Tage der Schöpfung mit dem Schabbat, dem Ruhetag.
      Die Menora, der siebenarmige Leuchter, ist für uns Christen ein wichtiges Wahrzeichen, das uns stets erinnern will an unsere religiöse Wurzel, aus der wir Christen stammen, nämlich: der jüdische Glauben, die jüdische Tradition. Paulus hat diese Wirklichkeit in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Rom vor bald 2000 Jahren ganz klar ausgedrückt mit den Worten: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ Und das bedeutet für uns Christen auch heute: Ehrfurcht und Respekt vor dem Heilsweg des jüdischen Glaubens und der jüdischen Tradition.
      Auf der anderen Seite des Altars steht die Osterkerze. Sie steht auf gleichem Leuchter wie die jüdische Menora. Nun aber sind die sieben Lichtarme nicht ausgebreitet, sondern symbolisch wie in eine Blüte vereinigt zum Tragen der Osterkerze.
      Die Osterkerze ist für uns das Symbol für JESUS CHRISTUS, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Durch JESUS und sein Wirken nach dem Tod in den Jüngerinnen und Jüngern und in den sich entwickelnden Gemeinden hat der biblische Glaube an den einen GOTT die vielen Völker weltweit mit neuem Licht erhellt und neuem Sinn erfüllt, und das durch all die Jahrhunderte bis zu uns heute.
      Vom Altarbild, von dem es so viel zu erzählen gäbe, habe ich fürs Evangelium das Bild von der gekrümmten Frau herausgegriffen und den Sinn für unsere St. Annakirche angedeutet.
      Auch auf den Tabernakel und die Erinnerung an unsere Kirchenpatronin Anna mit der schönen Statue „Anna Selbdritt“ mit ihren Kerzen, wie auch auf das Schöpfungsfenster, die Orgel und die Totenwand kann ich heute nicht näher eingehen.
       Ein Aspekt ist mir jetzt noch sehr wichtig: All das, von dem wir jetzt gesprochen haben, hätte so nie geschaffen werden können ohne die Talente der Menschen, die mitgewirkt haben: Architekt, Künstler, Baukommission, Kirchenpflege, Stiftungsrat, sowie die grosszügigen Spenderinnen und Spender  und alle, alle, die Mitwirkenden beim Gestalten, Bauen und Feiern.
      Ganz besonderen Dank allen, die auch in unserer heutigen, bewegten, lauten und so geschäftigen Welt mithelfen, dass unsere St. Annakirche eine Oase der inneren Stille, des Friedens, der Ehrfurcht und der Freude bleibt.

Und über allem: Dank an GOTT, 
dem Urgrund allen Seins, Wirkens und Lebens.
Hans Schwegler





Festliche Erstkommunion

Weisser Sonntag, 28. April 2019
Gedanken zur Erstkommunion

Liebe Mädchen und Buben! Im Vorbereitungsjahr auf die Erstkommunion habt ihr von den Katechetinnen und auch von euren Eltern und Grosseltern vieles gelernt über das Leben und Wirken JESU und unser eigenes christliches Leben.

      Wir hören jetzt gemeinsam auf einen kleinen Ausschnitt aus dem Evangelium zum heutigen so besonderen Festtag.
 
 Lesung aus dem Evangelium nach Lukas
 (Lukas 22,7ff)

      „Dann kam der Tag der ungesäuerten Brote, an dem das Paschalamm geschlachtet werden musste. Jesus schickte Petrus und Johannes in die Stadt und sagte: Geht und bereitet das Paschamahl für uns vor, damit wir es gemeinsam essen können... Sie gingen und bereiteten das Paschamahl vor.
      Als die Stunde gekommen war, begab Jesus sich mit den Aposteln zu Tisch. Und er sagte zu ihnen: Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen.
      Und er nahm den Kelch, sprach das Dankgebet und sagte: Nehmt den Wein, verteilt ihn untereinander! ...
      Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“

      Das Evangelium zu unserem heutigen Festtag erzählt, wie JESUS mit seinen Jüngern und Jüngerinnen Fest gefeiert hat, wie er gedankt hat für das Brot und den Wein.
      Und so wie JESUS Feste und Schabbat gefeiert hat, so haben auch die ersten Christen am ersten Tag in der Woche, am Sonntag, mit Brot und Wein Gott gedankt. Darum bekam dieses dankende Beisammensein mit Brot und Wein den Namen „Eucharistie“, was auf deutsch heisst „Danksagung“.
      Nach dem Bericht der Evangelien war dies das letzte festliche Essen vor dem frühen Tod Jesu. Nach seinem  erschütternden Tod am Kreuz haben die Jünger und Jüngerinnen sich intensiv erinnert an dieses letzte Paschamahl mit JESUS.
      Das Paschafest besteht in einem besonderen Essen mit Gebeten, biblischen Texten und Gespräch.  Es ist ein Fest zur Erinnerung an die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten. Seit zweieinhalb tausend Jahren feiern die Juden alljährlich dieses Fest der Erinnerung an die Befreiung. Gestern war der Schlusstag des 8 Tage dauernden jüdischen Paschaafestes.
      Jahrhundertalte Erfahrung zeigt, dass gemeinsames Essen ein wichtiger Aspekt ist für menschliches Leben. Diese Menschenerfahrung stellt auch modernen Eltern und Familien heute Fragen: Wie gestalten wir konkret in unserer Familie das gemeinsame Essen? Wie danken wir dafür, dass wir gut und genug essen können? Wie werden wir uns bewusst, dass unser Leben ein grosses Geschenk ist? Wie erinnern wir uns im Getriebe  und Funktionieren des Alltags an die Kraft hinter allem, dieser Urgrund, der uns liebend trägt und den wir GOTT nennen? Wie und wann können wir echt beten miteinander?
Da sind nicht nur Worte hilfreich, sondern auch Zeichen: z.B. das Kreuzzeichen als Segenszeichen auf die Stirn oder die segnende Hand auf dem Kopf, oder ein Bild oder ein Kreuz oder ein anderes religiöses Zeichen in der Wohnung, das uns immer wieder erinnert. Wir können uns auch fragen: Hilft uns die Art und Weise, wie wir den Sonntag gestalten, zu vollerem, tieferem, menschlicherem Leben?
      Bei all dem geht es nicht darum, uns mit religiösen Vorschriften zu belasten; es geht vielmehr um unser seelisches Leben, unser Aufatmen, um unser Vertrauen, Hoffen und Lieben. Dazu sind Erinnerungen an Erfahrenes wichtig; wir brauchen Zeichen, Symbole, Gebete.
                                                                                                                                     
Da sind nicht nur Worte hilfreich, sondern auch Zeichen: z.B. das Kreuzzeichen als Segenszeichen auf die Stirn oder die segnende Hand auf dem Kopf, oder ein Bild oder ein Kreuz oder ein anderes religiöses Zeichen in der Wohnung, das uns immer wieder erinnert. Wir können uns auch fragen: Hilft uns die Art und Weise, wie wir den Sonntag gestalten, zu vollerem, tieferem, menschlicherem Leben?

      Bei all dem geht es nicht darum, uns mit religiösen Vorschriften zu belasten; es geht vielmehr um unser seelisches Leben, unser Aufatmen, um unser Vertrauen, Hoffen und Lieben. Dazu sind Erinnerungen an Erfahrenes wichtig; wir brauchen Zeichen, Symbole, Gebete.

      Liebe Eltern und Grosseltern, Paten und Verwandte, Katechetinnen und Lehrer! Eurem täglichen Sein und Wirken gebührt von unserer Glaubensgemeinde und von unserer Zivilgesellschaft ganz grosser Dank für alles, was ihr tut für den Aufbau und Erhalt einer kommenden Generation und einer Gemeinschaft in Respekt und Würde, in Frieden und gegenseitigem Vertrauen.

Die heutige festliche Erstkommunion
ist ein Schritt in eine neue Entwicklungsstufe,
die Ihr Kind erreicht hat.
Und diese gute Entwicklungsgeschichte Ihrer Kinder
ist auch Grund zu grosser Freude und Dank!
Wir alle freuen uns mit Ihnen
über diesen wichtigen Schritt
in der Menschwerdung Ihrer Kinder!
                                                                                                                                                                                                                                                                                        
  Hans Schwegler





Samstag / Sonntag
9. / 10. März 2019


Einführung in die Lesung

      Die heutige Lesung am 1. Fastensonntag ist aus dem Buch Deuteronomium. Die Endfassung dieses Buches stammt aus der Zeit nach dem babylonischen Exil, also etwa um 500 vor Christus. Darin finden sich ganz wichtige Erfahrungen aus dem Leben und religiösen Glauben der Juden und über 500 Jahre später dann auch in der religiösen Glaubensauffassung der Christen
      Solch menschlich-religiösen Erfahrung lebt und wirkt in der Erinnerung.
Im Erinnern liegt Kraft zu wachsen und die Gegenwart zu gestalten. Erinnerung prägt die Geschichte des jüdischen Volkes; Erinnerung prägt auch die Geschichte der christlichen Gemeinschaft Kirche. Feste und Festzeiten des Kirchenjahres sind Wegmarken des Erinnerns.
      Jede Generation musste und muss sich neu ihren Zugang zum Glauben und Gottvertrauen öffnen; jede Generation muss ihren Weg mit GOTT zu ihrer eigenen Gegenwart machen. Davon berichtet und zeugt die heutige Lesung.
Hören wir gut!

Lesung aus dem Buch Deuteronomium
(Dtn 26,4-10)

      In jenen Tagen sprach Mose zum Volk: Wenn du die ersten Erträge von den Früchten des Landes darbringst, dann soll der Priester den Korb aus deiner Hand entgegennehmen und ihn vor den Altar des HERRN, deines GOTTES, stellen.
      Du aber sollst vor dem HERRN, deinem G OTT, folgendes Bekenntnis ablegen: Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde dort zu einem grossen, mächtigen und zahlreichen Volk.
      Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf. Wir schrien zum HERRN, dem GOTT unserer Väter, und der HERR hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis.
      Der HERR führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm, unter grossem Schrecken, unter Zeichen und Wundern aus Ägypten, er brachte uns an diese Stätte und gab uns dieses Land, ein Land, wo Milch und Honig fliessen.
      Und siehe, nun bringe ich hier die ersten Erträge von den Früchten des Landes, das du mir gegeben hast, HERR.
      Wenn du den Korb vor den HERRN, deinen GOTT, gestellt hast, sollst du dich vor dem HERRN, deinem GOTT, niederwerfen.
 
Lesung aus dem Evangelium nach Lukas
(Lukas 4,1-13)


      In jener Zeit kehrte JESUS, erfüllt von heiligem Geist, vom Jordan zurück. Er wurde vom Geist in der Wüste umhergeführt, vierzig Tage lang, und er wurde vom Teufel versucht. In jenen Tagen ass er nichts; als sie aber vorüber waren, hungerte ihn.
      Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du GOTTES Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden. JESUS antwortete ihm: Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.
      Da führte ihn der Teufel hinauf und zeigte ihm in einem Augenblick alle Reiche des Erdkreises. Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören. JESUS antwortete ihm: Es steht geschrieben: Vor dem HERRN, deinem GOTT, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.
      Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du GOTTES Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; denn es steht geschrieben: Seinen Engeln befiehlt er deinetwegen, dich zu behüten; und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stösst. Da antwortete ihm JESUS: Es ist gesagt: Du sollst den HERRN, deinen GOTT, nicht auf die Probe stellen.
      Nach diesen Versuchungen liess der Teufel bis zur bestimmten Zeit von ihm ab.
 
Predigtwort
Wie heute sinnvoll fasten?

      Christlich Leben bedeutet im Sinn und Geist JESU leben. Oder etwas bildhafter ausgedrückt: In der Spur JESU CHRISTI leben. JESUS ist unser grundlegendes Vorbild, unser Meister und Freund.

      Nun berichten uns die Evangelien, dass JESUS nach der Begegnung mit Johannes dem Täufer am Jordan „vom Geist vierzig Tage lang in die Wüste getrieben wurde“.
      In der Wüste leben ist ein Reduzieren des Lebens auf das Wesentliche, ist ein Zu-sich-selbst-Kommen; in der Wüste leben ist auch Begegnung mit unserer ursprünglichen Erde aus Sand und Felsen, mit Pflanzen und Tieren; in der Wüste leben ist auch unverstellte Begegnung mit Sonne, Mond und Sterne am Himmel. Es macht zutiefst betroffen, wenn man im Glanz der Sonne die Sandwüste durchschreitet und in der Nacht unter dem unendlichen Sternenhimmel schläft.
      Gemäss den Evangelien hat JESUS also vor seinem öffentlichen Auftreten vierzigtägige Exerzitien durchlebt mit Fasten, Verzichten, Nachdenken, Beten und Vertrauen.
      Die Zahl „Vierzig“  erinnert an die vierzig Jahre, welche die Israeliten nach der Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens in der Wüste durchlebt haben; erinnert auch an die vierzig Tage, die Moses auf dem Berg in intensiver Gotteserfahrung verbracht hat.
      Das Fasten JESU und seine vierzig Tage in der Wüste sind uns Christen zum Vorbild geworden für die 40 Tage Fastenzeit als Vorbereitung auf unser Hauptfest Ostern.


      Nun aber hat sich seit der Zeit JESU vor zweitausend Jahren vieles verändert in unserer Welt und unserer Lebensweise. Es ist darum nützlich zu überlegen: Wie heute sinnvoll fasten?
      Wer von fasten spricht denkt unwillkürlich ans Essen und Trinken. Dabei kann man aus verschiedenen Gründen fasten.
      Zunächst einmal können wir fasten um an Gewicht abzunehmen und unsere Statur zu verschönern. Wir können  fasten zum Ertüchtigen unserer körperlichen Beweglichkeit. Wir können fasten zum Stärken unserer geistigen und spirituellen Fitness, indem wir beispielsweise in der Fastenzeit keinen Alkohol trinken oder an gewissen Tagen kein Fleisch essen.
      Vielleicht ist dieses aus der christlichen Tradition bekannte körperliche Fasten heute bei uns nicht besonders vordringlich und nötig. Die meisten von uns sind gewohnt, besonnen und gesund zu essen und zu trinken.
      Was uns heute jedoch oftmals fehlt ist die innere Ruhe. Durch die vielfältigen Medien wie Presse, Radio, Fernsehen und Handy, wie auch durch vielfältige Veranstaltungen mit Kino, Theater, Musik, Kunst, Sport, Mode sind wir seelisch in Anspruch genommen und zum Teil auch gestresst. Es fehlt uns an innerer Ruhe und Besinnlichkeit. Hier kann geistiges, seelisches Fasten hilfreich sein.
      Eine besondere Art von modernem Fasten scheint mir heute zu sein, wenn wir den Sonntag als den besonderen Tag der Woche herausnehmen aus dem Stress und dem Räderwerk von  Computer, Handy und Alltagsrummel. Den Sonntag frei machen für persönliche Begegnung mit Mitmenschen, mit sich selbst und mit GOTT.
      Durch solche Art Fasten können wir neue Lebensqualität erfahren. Solches Fasten will geübt sein, so wie man früher das körperliche Fasten geübt hat.
      Zur Übung und zum Training gehört auch, dass wir uns am Morgen etwas vornehmen und am Abend fragen: Wie ist heute gegangen und uns dann freuen über schöne Begegnungen und Momente der Freude und des Erstaunens. Und da gilt intensiv die Erfahrung, die wir bestens vom Sport her kennen: Persönlich Sport treiben ist wirksamer als Sport anschauen am Fernseher!
      Eine besondere Art von Fasten ist auch das Achtsam-sein gegenüber Zerstörungsfaktoren unserer heutigen Welt. Konkret: Wie kann ich mithelfen, die Umwelt zu schonen?        
      Durch meine Art mit Energie wie: Benzin, Öl, Elektrizität umzugehen! Durch meine Art zu reisen! Durch meinen schonenden Verbrauch von Plastic und Kunststoffen!
      Es ist zwar klar, was wir hier an Positivem tun können, sind nur winzige Tröpfchen gegenüber einem Meer von Gefahren für unsere Mitwelt! Aber wenn wir dies nicht tun, ist das Gefahrenmeer um diese Tröpfchen zu gross.
      Sich-Enthalten von Schädlichem ist die eine Seite des Fastens. Solcher Verzicht stärkt auch unser Selbstwertgefühl. Und wer Verzicht üben kann, hat dauerhaft mehr vom Leben.
      Die andere Seite vom Fasten ist das Hervorbringen und Bewirken von Gutem, Hilfreichem.
      Zu Ruhe und zu sich selbst kommen, beten, echt Menschen begegnen, Not leidenden Menschen helfen, Hilfswerke wie Fastenopfer oder Caritas unterstützen, sowie schonendes Verhalten gegenüber der Umwelt bewirken Gutes, Hilfreiches.
      Es ist klar: Niemand von uns kann alles Gesagte und Gewünschte verwirklichen. Aber jeder und jede von uns kann gemäss dem eigenen Talent und Charisma zu einem friedvollen, erfüllten Leben auf dieser Welt beitragen.
      Vor 2'500 Jahren hat der Prophet Trito-Jesaja eine besondere Art von Fasten verkündet. Er sagte damals im Namen GOTTES: “Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: Die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen?
(Jes 58,6-8)

Dieses Prophetenwort hat auch für uns heute noch Bedeutung.
In den 40 Tagen auf Ostern hin ist uns Zeit geschenkt,
etwas Persönliches gemäss unserem Charisma zu tun.
Mit Gottes Lebenskraft wird daraus auch in uns
neues Leben erstehen.
Wenn das geschieht, ist in uns Ostern geworden.

Hans Schwegler